1.1

Ein leichter Regen setzt ein und ich ziehe die Plane ein wenig höher.
Keine Tropfen auf der Optik.
1.45 Uhr
Kälte versucht mir in die Beine zu kriechen, aber ich verbiete es ihr.
ich habe gelernt zu warten, also warte ich, lasse die Füße kreisen, locker machen.
Locker bleiben.
Jetzt eine Zigarette, eine nur. Scheiß Nikotinpflaster.
1.48 Uhr
Worauf wartest Du, Igor Ivanovich?
Hast Du allen Ernstes geglaubt, Herr zu sein? Über Leben und Tod?
oder auch nur Deines eigenes Schicksals?
Reich bist Du geworden, und mächtig. Gefürchtet.
Du denkst, sie respektieren Dich, Du glaubst, Du hättest das verdient.
In Wirklichkeit aber haben sie nur Angst vor Dir, nichts weiter, und nichts mehr.
Nichts anderes - außer der Angst.
Vermutlich weil Du selbst nichts anderes hast, kleiner Wichser.
Du glaubst, Du bist etwas - ein stinkender Haufen Schiss bist Du.
Worauf wartest Du?
1.57 Uhr
Es hat aufgehört zu regnen, und ich lausche dem Wasser, das sich in den Tropfen findet, die von hier oben auf die vergiftete Erde da unten fallen.
Ansonsten Stille. Totenstille. Nicht einmal eine Ratte, die über den Hof huscht .
2.00 Uhr
Showtime, Igor!
2.03 Uhr
Worauf wartest Du?
Seid ihr Arschlöcher zu blöd, um auf die Uhr zu sehen? Habt ihr Hausarrest, oder was?
2.05 Uhr
Armselige Amateure. Unbegreiflich, für wie es Euch gelungen ist, die Stadt zu übernehmen.
Allein für diese Impertinenz sollte Dir jemand Deine hässliche Rolex in Dein linkes Auge pressen, Pachan!
Ich schwöre Dir: wenn Ihr mich hier verarscht, und ich mir eine Erkältung hole, werde ich Deinen ganzen verschissenen Clan… das Signal. Sie kommen!
Okay, es gilt. Ein letzter Check. Magazin sitzt, entsichert. Funkstrecken stehen.
Das Hensoldt liefert eine ausgezeichnete Sicht, Entfernung 70 Meter, eingestellt.
Durchatmen.
Den ersten Wagen höre ich schon, noch bevor das Licht seiner Scheinwerfer über die gegenüberliegende Wand tanzt. 50 Meter vor und fast 20 unter mir hält er neben den Verladerampen. Dunkler BMW, zwei Insassen, die Vorhut. Igor schickt immer jemanden voraus.
Jetzt steigen sie aus dem Auto. Einer fuchtelt mit seiner Stablampe herum, während der andere das Tor zur Halle öffnet.
2.14 Uhr
Wir sind noch nicht vollzählig, Igor, komm schon.
Der Typ drinnen schaltet das Außenlicht an der Rampe an. Dankeschön, Genosse. Jetzt kann ich Deinen Kumpan schon viel besser erkennen, wie er den Hof inspiziert. Und nichts findet, außer Überresten längst vergangener Betriebsamkeit.
Ein Piepsen im Ohrstöpsel. Und noch eines. Zwei weitere Fahrzeuge passieren den Bewegungsmelder.
Herein, herein, die Party hat eben erst begonnen.
Das Ächzen und Dröhnen und Schnaufen verraten den LKW, bevor er in den Hof einbiegt. Dicht hinter ihm ein Porsche Cayenne. Das sind die Rumänen und ihre „Ware“.
Zwei Männer steigen aus dem Cayenne, und schreiten mit ausgebreiteten Armen auf die beiden Russen zu, Händeschütteln, Schulterklopfen.
Ich kann sie hören, sie scherzen und lachen.
Die dummen Zoten sind ihnen in Fleisch und Blut übergegangen. Sie haben längst vergessen, dass sie damit einst ihre Unsicherheit zu überspielen versuchten.
2.27 Uhr
Der vierte Piepston lässt mich hellwach werden. Endlich kommt der Star der Party, mein Hauptgewinn in seinem schicken Panzer-Benz angefahren. Ich aktiviere die ‘Rückfahrsperre‘.
Willkommen, Igor Ivanovich. Schön, dass Du auch noch kommst.
Augenblicklich verstummen die Idioten da unten und nehmen Haltung an.
Geradezu dienstbeflissen springt einer der Russen herbei und öffnet ihm die Wagentür.
Fehlt nur noch, dass er sich zu Boden wirft, aber auch das wird noch kommen.
Igor bellt ein paar Kommandos, und der Trucker springt aus seinem Führerhaus.
Was ist denn los, Igor? Schlechte Laune heut Abend?
Auf ein weiteres Kommando versammeln sich alle beim LKW. Bis auf Igors Ersatzfahrer, der am Steuer des Mercedes sitzen bleibt. Immerhin mit abgeschaltetem Motor.
Der Anführer der Rumänen öffnet die Hecktüren und der Russe mit der Stablampe leuchtet hinein.
Der andere klettert mit gezogener Waffe hinterher.
Ich kann nicht verstehen, was dort unten gesprochen wird, mir gefällt das nicht. Bis auf den Fahrer des Mercedes sitzen sie alle wie auf dem Präsentierteller.
Igors Kopf beständig im Fadenkreuz, warte ich.
Eine junge Frau taucht aus dem Dunkel des Laderaums auf. Eher noch ein Mädchen, die Rumänen helfen ihr beim Aussteigen. Igor mustert sie wie ein Pferd. Auf seinem narbenübersäten Gesicht macht sich ein Lächeln breit und er gibt seinem Fahrer ein Zeichen.
Der steigt aus, in der linken Hand den Aktenkoffer.
Showtime.
Jetzt ist es Igor, der scherzt und lacht. Er produziert sich, das völlig verängstigte Mädchen mit einer Hand fest im Arm haltend. Mit der anderen begrapscht er ihre Brüste. Die Männer stimmen in sein Lachen ein und ich hefte meinen roten Zielerfassungspunkt an seinen Hinterkopf. Keiner bemerkt es. Der nächste Spruch liegt ihm sicher schon auf den Lippen, aber meine Kugel ist schneller.
In einem feinen roten Nebel zerstiebt sein Leben.
Adieu, Igor Ivanovich!
Für einen Moment sieht es so aus, als falle der Pachan dem Mädchen in die Arme.
Die anderen begreifen zu spät. Den Typen mit der Knarre hab ich erledigt, ehe Igor zu Boden gesunken ist. Während die anderen ihre Waffen ziehen, schert der Anführer der Rumänen nach links aus und versucht sein Auto zu erreichen. Er kommt fast fünf Schritte weit. Igors Fahrer wähnt Verrat. Sein Schuss erst zerreißt die Stille. Aus nicht einmal fünf Metern erledigt er den anderen Rumänen für mich. Spasiwo, Towarisch!
Das macht die Verwirrung perfekt!
Der Trucker hat als einziger keine Waffe gezogen, aber das hilft ihm nicht, er ist der nächste, dessen Schädel platzt.
Die übrigen beiden schwenken ihre Kanonen in meine Richtung, aber was soll das bringen, ohne Deckung. Der Chauffeur sucht mich, aber meine Kugel findet ihren Weg zu ihm schneller.
Der Letzte setzt zur Flucht an und spurtet in Richtung Halle. Ich könnte ihn entkommen lassen, aber warum sollte ich? Ein letztes Mal beuge ich den rechten Zeigefinger, der Verschluss verriegelt, der Bolzen schlägt in die Zündladung, und den Bruchteil eines Augenblicks später jagt meine Kugel in die Nacht hinaus, und in den Rücken des Flüchtenden hinein, Herzhöhe.
Ich schlage die Plane zurück und springe auf. Lege erneut an. Vielleicht braucht jemand Nachschlag. Igor bewegt sich. Ich will schon losfeuern, da erkenne ich das Mädchen, das panisch versucht, unter ihm hervor zu kriechen.
Um die kümmere ich mich später. Erst einmal die Hülsen einsammeln, sechs Stück. Und sieben Mann erledigt. Adrenalin flutet meinen Körper. Strike! Und nochmal: Strike! Treffer und versenkt.
Mit zitternden Händen löse ich die Arretierung des Schulterstücks, schraube ich Schalldämpfer und Lauf ab, und verstaue alles im Rucksack.
An der Seite des Gebäudes werfe ich die Enden meines Fluchtseils in die Tiefe. Schnell abgeseilt, die Zeit drängt. Hinter mir zieht das Sperrgewicht das Seil aus seiner Öse, während ich zum LKW laufe.
Wo ist das Mädchen, verdammt? Ich kann sie nirgends sehen. Und ich hab keine Zeit, ewig nach ihr zu suchen. Okay, zuerst den Koffer. Mein Blick schweift über Leichen. Ich hätte Lust sie anzuspucken, diese kleinen Pisser, aber das ist nicht vorgesehen. Der LKW!
Sie versteckt sich unter dem LKW. Zwischen zwei Russen liegt die Stablampe, noch immer angeschaltet. Damit leuchte ich zwischen die Räder, und ja: da sitzt sie, zusammen gekauert.
Mir fehlt leider die Zeit, mich angemessen wie ein Gentleman zu verhalten. Also packe ich ihren Fuss und zerre sie zwischen den Achsen hervor, sie schreit. Verständlich, aber nervig. Und antworten kann ich auch nicht mit der Maske, also schleife ich sie zum Heck.
Kleines Biest. Ich öffne gerade die Hecktür, da versucht sie sich loszureißen. Ich rette ihren Arsch, und sie macht nichts als Scherereien. So leid es mir tut, ich muss ihr eine pfeffern. Danach klettert sie freiwillig in den Laderaum zurück, aber ich muss ein wenig nachhelfen. Sie wimmert. Weiß natürlich nicht, dass es so am Besten ist. Woher auch. Aus dem Innern starren mich Dutzende Augenpaare an, erkennbar nur durch das Licht, das sie reflektieren. Ich lege noch das Handy hinein, dann verriegle ich den Flügel wieder. Ab jetzt läuft die Uhr. Nun noch das Seil, dann ab durch die Mitte. Ich will schon weiter, zu meiner Maschine, da drehe ich mich ein letztes Mal um und Igors S-Guard fällt mir ins Auge.
Mehr als drei Tonnen Sicherheit und 400 Gäule unter der Haube.
90 % Vorbereitung, 10 % Improvisation. Ich kehre um.
Wann hat man schon mal Gelegenheit mit 350000 Euro unterm Arsch und 500000 auf dem Beifahrersitz durch die Gegend zu gondeln? Der Schlüssel steckt, die Sache ist also entschieden.
Anstandslos springt die Kiste an, der Motor schnurrt wie ein satter Löwe. Nur beim Wenden bleibe ich irgendwo hängen, vermutlich an einem toten Russen, aber ein beherzter Tritt aufs Gas ebnet mir auch diesen Weg. Wie auf Schienen steuert der Wagen auf die Einfahrt des Geländes zu, gut 20 Meter davor aber halte ich an. Und deaktiviere die Sprengfalle. Mit meinen Waffen hätte ich nichts ausrichten können gegen den S-Guard, aber die vier Kilogramm Plastiksprengstoff, die ich verbaut habe, hätten diese Hochgeschwindigkeits-Schildkröte aufs Dach geworfen, garantiert. Ich steige aus und deaktiviere auch den Bewegungsmelder. Bei der Gelegenheit ist es besser, den auch wieder mitzunehmen. Sollte ich einen Fehler gemacht haben, werde ich gleich in Tausend Stücke gerissen.
Aber ich mache keine Fehler. Ebenso wenig, wie ich Spuren hinterlasse, zumindest nie mehr als notwendig.
2.47 Uhr


1

Ein leichter Regen setzt ein und ich ziehe die Plane ein wenig höher.
Keine Tropfen auf der Optik.
1.45 Uhr
Kälte versucht mir in die Beine zu kriechen, aber ich verbiete es ihr.
ich habe gelernt zu warten, also warte ich, lasse die Füße kreisen, locker machen.
Locker bleiben.
Jetzt eine Zigarette, eine nur. Scheiß Nikotinpflaster.
1.48 Uhr
Worauf wartest Du, Igor Ivanovich?
Hast Du allen Ernstes geglaubt, Herr zu sein? Über Leben und Tod?
oder auch nur Deines eigenes Schicksals?
Reich bist Du geworden, und mächtig. Gefürchtet.
Du denkst, sie respektieren Dich, Du glaubst, Du hättest das verdient.
In Wirklichkeit haben sie nur Angst vor Dir, nichts weiter, und nichts mehr.
Nichts anderes - außer der Angst.
Vermutlich weil Du selbst nichts weiter als das hast, kleiner Wichser.
Du glaubst, Du bist etwas - ein stinkender Haufen Schiss bist Du.
Worauf wartest Du?
1.57 Uhr
Es hat aufgehört zu regnen, und ich lausche dem fernen Verkehr.
Der Hof selbst liegt totenstill unter mir, nicht einmal eine Ratte verirrt sich noch hierher.
2.00 Uhr
Showdown, Igor!
2.03 Uhr
Worauf wartest Du?
Seid ihr Arschlöcher sogar zu blöd, die Uhr zu lesen? Oder lassen Euch Eure Mamutschkas nach sieben nicht mehr aus dem Haus?
2.05 Uhr
Armselige Amateure. Unbegreiflich, für wie es Euch gelungen sein soll, die Stadt zu übernehmen.
Allein für diese Impertinenz sollte Dir jemand Deine Rolex ins rechte Auge drücken, Pachan!
Ich schwör Dir: wenn Ihr mich hier verarscht, und ich mir eine Erkältung hole, werde ich Deinen ganzen verschissenen Clan… Das Signal. Sie kommen!
Okay, es gilt. Ein letzter Check. Magazin sitzt, entsichert. Funkstrecken stehen.
Das Hensoldt liefert eine ausgezeichnete Sicht, Entfernung eingestellt.
Durchatmen.
Ich höre den ersten Wagen, noch bevor das Licht seiner Scheinwerfer über die gegenüberliegende Wand tanzt. 50 Meter vor und fast 20 unter mir hält er neben den Verladerampen. Dunkler BMW, zwei Insassen, die Vorhut. Igor schickt immer jemanden voraus.
Jetzt steigen sie aus dem Auto. Einer fuchtelt mit seiner Stablampe herum, während der andere das Tor zur Halle öffnet.
2.14 Uhr
Wir sind noch nicht vollzählig, Igor, komm schon.
Der Typ drinnen schaltet das Außenlicht an der Rampe an. Dankeschön, Genosse. Jetzt kann ich Deinen Kumpan schon viel besser erkennen, wie er den Hof inspiziert. Und nichts findet, außer den Überresten längst vergangener Betriebsamkeit.
Ein Piepston. Und noch einer. Die nächsten Fahrzeuge passieren meinen Bewegungsmelder.
Herein, herein, die Party hat eben erst begonnen.
Das angestrengte Dröhnen und Schnaufen verrät den LKW, bevor er in den Hof einbiegt. Dicht hinter ihm ein Porsche Cayenne. Die Rumänen und ihre „Ware“.
Zwei Männer steigen aus dem Cayenne, und schreiten mit ausgebreiteten Armen auf die beiden Russen zu, Händeschütteln, Schulterklopfen.
Ich kann sie hören, sie scherzen und lachen.
Die dummen Zoten sind ihnen so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie gar nicht mehr merken, dass sie lediglich ihre Unsicherheit zu überspielen versuchen.
2.27 Uhr
Der vierte Piepston lässt mich hellwach werden. Endlich kommt der Star der Party, mein Hauptgewinn in seinem schicken Panzer-Benz angefahren. Ich aktiviere die ‘Rückfahrsperre‘.
Willkommen, Igor Ivanovich. Schön, dass Du auch noch kommst.
Augenblicklich verstummen die Idioten da unten und nehmen Haltung an.
Geradezu dienstbeflissen springt einer der Russen herbei und öffnet ihm die Wagentür.
Fehlt nur noch, dass er sich zu Boden wirft, aber auch das wird noch kommen.
Igor bellt ein paar Kommandos, und der Fahrer des LKWs springt aus dem Führerhaus.
Was ist denn los, Igor? Schlechte Laune heut Abend?
Auf ein weiteres Kommando versammeln sich alle am Heck des LKWs. Bis auf Igors Fahrer des heutigen Abends, der im Mercedes sitzen bleibt.
Der Anführer der Rumänen öffnet die Flügeltüren und der Russe mit der Stablampe leuchtet hinein.
Der andere klettert mit gezogener Waffe hinterher.
Ich kann nicht verstehen, was dort unten gesprochen wird, mir gefällt das nicht. Bis auf den Fahrer des Mercedes sitzen sie alle wie auf dem Präsentierteller.
Igors Kopf beständig im Fadenkreuz, warte ich.
Eine junge Frau mit der Kanone vor sich her zwingend, verlässt der Typ den Laderaum wieder. Eher noch ein Mädchen, dem die Rumänen da aus der Luke helfen, und dem Igor in den Nacken fasst, als wolle er sie zu einem Blowjob nötigen. Auf seinem narbenübersäten Gesicht macht sich ein Lächeln breit, und er gibt seinem Fahrer ein Zeichen.
Der steigt aus, in der linken Hand den Aktenkoffer.
Showtime.
Jetzt ist es Igor, der scherzt und lacht. Er produziert sich, das völlig verängstigte Mädchen mit einer Hand fest im Arm haltend. Mit der anderen begrapscht er ihre Brüste. Die Männer stimmen in sein Lachen ein und ich hefte meinen roten Zielerfassungspunkt an seinen Hinterkopf. Keiner bemerkt es. Der nächste Spruch liegt ihm sicher schon auf den Lippen, aber meine Kugel ist schneller.
In einem feinen roten Nebel zerstiebt sein Leben.
Adieu, Igor Ivanovich!
Für einen Moment sieht es so aus, als falle der Pachan dem Mädchen in die Arme.
Die anderen begreifen zu spät. Den Typen mit der Knarre hab ich erledigt, ehe Igor und das Mädchen am Boden sind. Während die anderen ihre Waffen ziehen, schert der Anführer der Rumänen schert nach links aus und versucht sein Auto zu erreichen. Er kommt fast fünf Schritte weit. Igors Fahrer reagiert instinktiv und schießt den anderen Rumänen in die Brust. Der Knall zerreißt die Stille. Spasiwo, Towarisch!
Das macht die Verwirrung perfekt!
Der Fahrer des LKW hat als einziger keine Waffe gezogen, aber das hilft ihm nicht, er ist der nächste, dessen Schädel platzt.
Die übrigen beiden schwenken ihre Kanonen in meine Richtung, aber was soll das bringen, ohne Deckung. Der Chauffeur sucht mich, aber meine Kugel findet ihren Weg zu ihm schneller.
Der Letzte setzt zur Flucht an und spurtet in Richtung Halle. Ich könnte ihn entkommen lassen, aber warum sollte ich? Ein letztes Mal beuge ich den rechten Zeigefinger, der Verschluss verriegelt, der Bolzen schlägt in die Zündladung, und den Bruchteil eines Augenblicks später jagt meine Kugel in die Nacht hinaus, und in den Rücken des Flüchtenden hinein, Herzhöhe.
Ich schlage die Plane zurück und springe auf. Lege erneut an. Vielleicht braucht jemand Nachschlag. Igor bewegt sich. Ich will schon losfeuern, da erkenne ich, dass es das Mädchen ist, das panisch versucht, unter ihm hervor zu kriechen.
Um die kümmere ich mich später. Erst einmal die Hülsen einsammeln, sechs Stück. Und sieben Mann erledigt. Adrenalin flutet meinen Körper. Strike! Und nochmal: Strike! Treffer und versenkt.
Mit zitternden Händen löse ich die Arretierung des Schulterstücks, schraube ich Schalldämpfer und Lauf ab, und verstaue alles im Rucksack.
An der Seite des Gebäudes werfe ich die Enden meines Fluchtseils in die Tiefe. Schnell abgeseilt, die Zeit drängt. Hinter mir zieht das Sperrgewicht das Seil aus seiner Öse, während ich zum LKW laufe.
Wo ist das Mädchen, verdammt? Ich kann sie nirgends sehen. Und ich hab keine Zeit, ewig nach ihr zu suchen. Okay, zuerst den Koffer. Mein Blick schweift über Leichen. Ich hätte Lust sie anzuspucken, diese kleinen Pisser, aber das ist nicht vorgesehen. Der LKW!
Sie versteckt sich unter dem LKW. Zwischen zwei Russen liegt die Stablampe, noch immer angeschaltet. Damit leuchte ich zwischen die Räder, und ja: da sitzt sie, zusammen gekauert.
Mir fehlt leider die Zeit, mich angemessen wie ein Gentleman zu verhalten. Also packe ich ihren Fuss und zerre sie zwischen den Achsen hervor, sie schreit. Verständlich, aber nervig. Und antworten kann ich auch nicht mit der Maske, also schleife ich sie zur Ladeluke.
Kleines Biest. Ich öffne gerade die Flügeltür, da versucht sie sich loszureißen. Ich rette ihren Arsch, und sie macht nichts als Scherereien. So leid es mir tut, ich muss ihr eine pfeffern. Danach klettert sie freiwillig in den Laderaum zurück, aber ich muss ein wenig nachhelfen. Sie wimmert. Weiß natürlich nicht, dass es so am Besten ist. Woher auch. Aus dem Innern starren mich Dutzende Augenpaare an, erkennbar nur durch das Licht, das sie reflektieren. Ich lege noch das Handy hinein, dann verriegle ich den Flügel wieder. Ab jetzt läuft die Uhr. Nun noch das Seil, dann ab durch die Mitte. Ich will schon weiter, zu meiner Maschine, da drehe ich mich ein letztes Mal um und Igors S-Guard fällt mir ins Auge.
Mehr als drei Tonnen Sicherheit und 400 Gäule unter der Haube.
90 % ist Planung und Vorbereitung. 10 % Improvisation. Ich kehre um.
Wann hat man schon mal Gelegenheit mit 350000 Euro unterm Arsch und 500000 auf dem Beifahrersitz durch die Gegend zu gondeln? Der Schlüssel steckt, die Sache ist also entschieden.
Anstandslos springt die Kiste an, der Motor schnurrt wie ein satter Löwe. Nur beim Wenden bleibe ich irgendwo hängen, vermutlich an einem toten Russen, aber ein beherzter Tritt aufs Gas ebnet mir auch diesen Weg. Wie auf Schienen steuere ich auf die Einfahrt des Geländes zu, halte aber gut 20 Meter davor an. Und deaktiviere die Sprengfalle. Mit meinen Waffen hätte ich nichts ausrichten können gegen den S-Guard, aber die vier Kilogramm Plastiksprengstoff, die ich verbaut habe, hätten diese Hochgeschwindigkeits-Schildkröte aufs Dach geworfen, garantiert. Ich steige aus und deaktiviere auch den Bewegungsmelder. Bei der Gelegenheit ist es besser, den auch wieder mitzunehmen. Sollte ich einen Fehler gemacht haben, werde ich gleich in Tausend Stücke gerissen.
Aber ich mache keine Fehler. Ebenso wenig, wie ich Spuren hinterlasse, zumindest nie mehr als notwendig.
2.47 Uhr